Saturday 25. May 2019
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KNA, 18/01/2019

 

Mut zu gemeinsamen Antworten

 

Erzbischof Jean-Claude Hollerich ist Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union (COMECE). Für ihn ist Europa vor allem eine Idee des Friedens und ein Garant für Gemeinwohl. Im Interview mit Gemeinde creativ macht er deutlich, warum die katholische Kirche in den aktuellen Debatten ihre Stimme erheben muss und warum wir alle am Traum eines einigen und starken Europa festhalten müssen.

 

 

KNA - Gemeinde creativ: Was verbinden Sie mit „Europa“?

 

Erzbischof Jean-Claude Hollerich: Frieden und Freiheit. Ich war kürzlich bei einem Konzert in Verdun, die Hälfte der Zuhörer waren Deutsche, die andere Hälfte waren Franzosen. An diesem Ort, an dem einem bis heute die Gräber das Grauen und den Schrecken des Krieges vor Augen führen, war das ein besonderes Erlebnis. Einen solchen Krieg darf es nicht mehr geben. Europa ist ein Friedensprojekt. Inzwischen haben wir uns vielleicht ein bisschen zu sehr an den Frieden gewöhnt, so sehr, dass viele nicht mehr merken, wie Nationalismus und Hass geschürt werden. Das ist tragisch und bringt den Frieden in Gefahr.

 

Europa – Wirtschaftsgemeinschaft oder Wertegemeinschaft?

 

Europa ist beides. Wir brauchen Europa als Wirtschaftsgemeinschaft, weil sich eine nationalbasierte Wirtschaft in einer globalisierten Welt nicht mehr behaupten kann. Die Europäische Union ist aber mehr, und auch mehr als eine Wertegemeinschaft. Europa ist die Gemeinschaft seiner Menschen, die Austausch und gegenseitiges Verständnis fördert, die Begegnungen schafft. Europa muss mehr noch zu einem Raum von gegenseitigem Verstehen und gegenseitiger Annahme werden.

 

Ist dieser Kern der europäischen Idee in Ihren Augen noch präsent genug?

 

Europa ist eine Idee des Friedens und des Gemeinwohls. In einigen Ländern Europas lässt die Politik davon momentan wenig erkennen. Wir müssen uns wieder mehr auf diesen Kerngedanken verpflichten und Europa in diesem Sinn ausrichten. Dazu braucht es eine Politik, die eine christliche Handschrift trägt. Das muss sich zeigen im Umgang miteinander, in der Art der Sprache, wie man seinem Gegenüber begegnet, aber auch im Umgang mit anderen, mit Fremden. Der Umgang mit Flüchtlingen und ihren Herkunftsländern muss sich ändern: aus christlicher Sicht können wir nicht einerseits die Grenzen für Menschen aus Afrika schließen und gleichzeitig deren Heimatländer für unsere eigenen Zwecke ausbeuten wollen. Es ist nicht christlich, Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen.

 

Brexit, erstarkende Nationalismen in mehreren europäischen Ländern – steckt Europa in der Krise?

 

Die Europäische Union bröckelt derzeit an vielen Stellen, auch weil die Gesellschaft sich verändert. Die unterschiedlichen Gesellschaften in Europa entwickeln sich sehr schnell, die Welt insgesamt gesehen noch viel schneller. Wir sehen momentan, wie in vielen Ländern das Bürgertum zerfällt. Die Folge sind gesellschaftliche Spaltungen, die angreifbar machen und Populismen erstarken lassen. Was wir in der aktuellen Situation dringend brauchen, ist mehr Mut zu gemeinsamen Antworten.

 

Migration ist das beherrschende Thema momentan…

 

Das beschäftigt auch die europäischen Bischofskonferenzen. Wir sehen, dass die westeuropäischen Länder psychologisch nicht mehr Migranten aufnehmen können. Grenzen ganz zu schließen, kann und darf aber keine Lösung sein. Es gibt Menschen, die auf uns und das Recht auf Asyl angewiesen sind und auch wir sind teilweise auf Migration angewiesen, denken wir nur an die Diskussion um den Fachkräftemangel. Wir müssen nicht die Flüchtlinge, sondern die Ursachen der Migration bekämpfen. Das heißt, auf Afrika zu schauen und den Menschen Wege aus Armut und Perspektivlosigkeit aufzuzeigen. Durch die Migration fehlen in den Herkunftsländern vor allem junge Menschen, die den wirtschaftlichen Aufbau ihres Landes voranbringen könnten. Was wir brauchen, ist eine kohärente Politik, echte Perspektiven für die jungen Leute vor Ort und eine konsequente Umsetzungen der Forderungen in Laudato si‘. Nur dann bleibt der Mensch im Mittelpunkt.

 

Welche Rolle spielt die Kirche in diesen Zusammenhängen?

 

Die Kirche darf hierzu nicht schweigen. Sie muss sich aktiv einbringen und versuchen Gehör zu finden, sowohl bei der Politik wie auch bei den Menschen in den Gemeinden. Aber Kirche darf sich nicht an ihrer Stärke messen. Sie ist kein Machtfaktor. Das darf sie nicht vergessen. 

 

Im kommenden Mai ist Europawahl – warum soll man sein Kreuz machen bzw. was kann man als Einzelner in so einem großen Raum denn überhaupt bewirken?

 

Ich appelliere an alle Christen: Gehen Sie zur Wahl – das ist unsere Verantwortung als Bürger und als Christen in dieser Welt. Zur Wahl gehen heißt, zu Europa zu stehen und sich für den Frieden in Europa einzusetzen.

 

Wie ist die katholische Kirche auf europäischer Ebene organisiert?

 

Es gibt die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union, kurz COMECE. Unser Sekretariat mit 13 Mitarbeitern agiert von Brüssel aus. Zweimal im Jahr treffen wir uns dort zur Delegiertenversammlung. Die COMECE wird nach außen vertreten von einem Präsidium, bestehend aus einem Präsidenten und vier Vizepräsidenten. Hier wird darauf geachtet, dass diese aus allen Regionen Europas kommen. Wir pflegen den Kontakt zu Abgeordneten und Gremien und versuchen, auf die laufende Politik im Sinn unserer Werte einzuwirken und dafür zu sorgen, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und bleibt.

 

Bei welchen Themen bringt sich die COMECE momentan ein?

 

Wie in der deutschen Bischofkonferenz (DKB) haben auch wir Kommissionen. An ihnen lassen sich unsere aktuellen Themenfelder ablesen: da ist die Kommission für auswärtige Angelegenheiten, die sich intensiv mit Themen rund um Frieden und Friedensbewahrung beschäftigt. Auch die Religionsfreiheit als Ziel der europäischen Außenpolitik ist hier immer wieder Thema. Darüber haben wir mit Federica Mogherini, der Beauftragen der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, diskutiert. Unsere Ziele und Anregungen wurden von den Politikern in Papiere aufgenommen und teilweise auch schon umgesetzt, was für uns ein großer Erfolg ist. Das ist ein Beispiel, das zeigt, dass europäische Politiker durchaus bereit sind, auf die Stimme der Kirche zu hören. Daneben gibt es eine soziale Kommission und eine Kommission, die sich mit juristischen Fragen befasst.

 

Was halten Sie von der Idee eines europäischen Katholikentages?

 

Das Engagement der Laien ist eine große Stütze für Kirche und Gesellschaft. Ich würde mir noch mehr Laien – Männer und Frauen gleichermaßen – in verantwortungsvollen Positionen unserer Kirche wünschen, denn wir alle, egal ob Kleriker oder Laie, tragen dieselbe Verantwortung für unsere Kirche und die Welt. All die guten Ideen, das Engagement und die Zukunftsvisionen zusammenzubringen und gleichzeitig den Austausch über die Grenzen hinweg zu fördern, wie es der europäischen Idee entspricht, dafür wäre ein europäischer Katholikentag eine wunderbare Gelegenheit.

 

Wo sehen Sie Europa in zehn Jahren? 

 

All die Herausforderungen, denen wir uns momentan stellen müssen, kann nur ein starkes Europa bewältigen. Ich bin überzeugt, dass Europa diese Stärke hat, vor allem dann, wenn es sich auf seine Wurzeln zurückbesinnt. Und daher hoffe ich, dass wir gute Lösungen für die Fragen unserer Zeit finden und in zehn Jahren über andere Themen streiten als heute – streiten natürlich in einem positiven Sinn, denn eine gute Streitkultur ist wichtig für das Vorankommen einer Gemeinschaft.

 

Infokasten:

 

Jean-Claude Hollerich SJ (Jahrgang 1958) ist Erzbischof von Luxemburg und seit 2018 Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE). Aufgewachsen ist Jean-Claude Hollerich SJ in Vianden, Luxemburg. 1978 bis 1981 studierte er Katholische Theologie und Philosophie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. 1981 trat er dem Jesuitenorden bei. Papst Benedikt XVI. ernannte ihn 2011 zum Erzbischof des Erzbistums Luxemburg. Im März 2018 wurde Jean-Claude Hollerich als Nachfolger des Münchner Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx zum Vorsitzenden der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union gewählt. Mehrere Jahre hat er in Japan gelebt und gearbeitet. Diese Zeit sowie die Kultur des Landes prägen ihn bis heute.

 

GC_002_2019 – Hollerich001-004: Jean-Claude Hollerich ist ein unaufgeregter Mann, der dennoch klare, deutliche Worte findet – und ein überzeugter Europäer.

 

KNA

Photo: The Church in Malta

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