Thursday 28. October 2021
2011

Die EU sollte ihre Politik zum Thema Stammzellenforschung auf den neuesten Stand bringen

 

Die Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen ist in der EU zukünftig nicht mehr patentierbar; sie ist ethisch problematisch und stellt daher in den EU-Staaten und unter den EU-Bürgern kein konsensfähiges Forschungsgebiet dar. Darüber hinaus stehen ihre Aussichten auf klinische Erfolge immer schlechter. Vor diesem Hintergrund fordert die COMECE die EU auf, die Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen aus ihrem Forschungsfinanzierungsprogramm Horizon 2020 zu streichen und ihr Augenmerk statt dessen auf den innovativeren und vielversprechenderen Bereich der alternativen Stammzellenforschung zu richten.

 

Horizon 2020 ist das neue EU-Programm für Forschung und Innovation für den Zeitraum 2014 bis 2020, für das die EU 80 Milliarden Euro bereitstellt. Dieses Programm ist ein wichtiges Instrument zur Förderung von Wachstum und Innovation in der Europäischen Union. Gerade im Bereich der medizinischen Forschung lässt es viele Patienten auf neue Behandlungsmethoden hoffen.

 

Die Europäische Kommission hat unlängst eine Reihe von Vorschlägen zu Horizon 2020 vorgelegt. Diese Vorschläge stellen eine Verbesserung des derzeitigen ethischen Rahmens dar, insofern einige der anzuwendenden ethischen Grundsätze benannt werden. Allerdings fehlen zwei der wichtigsten Grundsätze: der Schutz der Würde des Menschen (Artikel 1 der Grundrechtecharta) sowie der Vorrang des Interesses und des Wohls des menschlichen Lebewesens gegenüber dem Interesse der Gesellschaft oder der Wissenschaft (Artikel 2 der Oviedo-Konvention).

 

Besondere Sorge bereitet der COMECE aber eine andere wesentliche Unterlassung: Die neuen Vorschläge greifen einige der Punkte auf, zu denen sich die Kommission bereits in ihrer Erklärung aus dem Jahre 2006 verpflichtet hat. Überraschenderweise ist aber keine Rede von ihrer Verpflichtung (§12), „dem Regelungsausschuss keine Vorschläge für Projekte zu unterbreiten, die Forschungstätigkeiten beinhalten, bei denen menschliche Embryos, einschließlich zur Gewinnung von Stammzellen, zerstört werden“. Damit stellen die aktuellen Vorschläge ein ethisches Rahmenwerk dar, das letztendlich schwächer ist als der für das laufende Forschungsprogramm (2007 bis 2013) geltende Rahmen.

 

Nicht mehr marktgesteuert

Darüber hinaus lassen die Vorschläge juristisch betrachtet das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Fall Greenpeace gegen Brüstle unberücksichtigt. In diesem Urteil legt der Europäische Gerichtshof eine klare Definition des Begriffs menschlicher Embryo fest und bestätigt, dass biotechnologische Erfindungen, im Rahmen derer menschliche embryonale Stammzellen verwendet werden, nicht patentierbar sind. Wenn die EU-Rechtsordnung allgemein gültig und intern kohärent sein soll, dann müssten auch alle Forschungsvorhaben, bei denen menschliche embryonale Stammzellen verwendet werden, die durch ein vorheriges Ableitungsverfahren gewonnen wurden, von jedweder EU-Finanzierung ausgeschlossen werden.

 

Ferner wäre es ökonomisch betrachtet ineffizient, Forschungsvorhaben zu finanzieren, die aus gesetzlichen Gründen marktwirtschaftlich nicht innovativ sein können. Eines der Hauptziele von Horizon 2020 besteht aber darin, „innovativen Unternehmen zu helfen, ihre technologischen Errungenschaften zu lebensfähigen Produkten mit einem echten kommerziellen Potenzial zu entwickeln.“

 

Keine Aussicht auf klinische Erfolge

Vor kurzem hat Geron Corp, das weltweit führende Unternehmen im Bereich der embryonalen Forschung, die Einstellung seiner Stammzellenprogramme angekündigt.

Die Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen hat in der Tat nicht zu den erwarteten Ergebnissen geführt. Zwischenzeitlich bietet die Forschung mit alternativen Stammzellenquellen – adulten, Nabelschnurblut- oder induzierten pluripotenten Stammzellen – reale und effiziente Perspektiven für therapeutische Anwendungen bzw. hat bereits nachweisbare klinische Ergebnisse gezeitigt. Diese Methoden genießen eine breite wissenschaftliche und ethische Akzeptanz und sind daher in den Mitgliedstaaten unumstritten. Aus diesem Grunde sollten sie im Rahmen des neuen EU-Programms Horizon 2020 vorrangig gefördert werden.

 

Geringere Unterstützung bei den EU-Bürgern

Einer Umfrage von Eurobarometer zum Thema Lebenswissenschaften und Biotechnologie vom Oktober 2010 zufolge sind im Übrigen 56 % der Europäer der Ansicht, dass ein Embryo bereits unmittelbar nach der Befruchtung der Eizelle ein menschliches Wesen ist (S. 146) und 69 % der Befragten befürworten die Forschung mit adulten Stammzellen, wohingegen die Zahl der Europäer, die sich für die Forschung mit embryonalen Stammzellen aussprechen, geringer ist (S. 55).

 

Die COMECE vertritt den Standpunkt, dass es im Rahmen des mittlerweile laufenden Gesetzgebungsverfahrens Raum für Verbesserungen der Kommissionsvorschläge gibt. Sie erwartet dementsprechend, dass die jüngsten rechtlichen und wissenschaftlichen Entwicklungen ebenso wie die o. g. grundlegenden ethischen Bestimmungen und politischen Optionen bei der Verabschiedung von Horizon 2020 berücksichtigt werden und in den vorgesehenen Instrumenten Niederschlag finden.

 


Die COMECE verfolgt die ethischen Debatten im Zusammenhang mit dem Thema Forschung mit großer Aufmerksamkeit. Im Mai 2011 hat sie sich aktiv an der Konsultation der Europäischen Kommission über dieses neue Forschungsprogramm beteiligt.

 

Für weitere Fragen kontaktieren Sie bitte Johanna.touzel@comece.eu, COMECE Pressesprecherin

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